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Renate und Jürgen schrieb am 5. November 2013 um 21:30
Pilgern ab 60 (5)Am frühen Vormittag des 30. September 2013 verließen wir das kleine Hotel in Saint-Amand-Montrond in Frankreich für die nächste Etappe auf dem Jakobsweg. Schnell hatte uns der Weg wieder eingefangen. Die Rucksäcke drückten noch auf den Schultern. Die Muskeln freuten sich, zumindest auf den ersten Kilometern. Das Wetter meinte es gut mit uns, 21°C und trocken. Wir waren hier in der Region Centre. Eine wellige Landschaft mit viel Grün und viel Landwirtschaft. Die Rinder sind nicht mehr weiß, sie sind braun, in kleinen Herden und sehen aus wie glückliche Rinder. Am Nachmittag kamen wir im Refuge pélerin prive „Voie de Vézelay“ von Paul an. Eine rustikale Unterkunft. Geistig fit und körperlich für seine 81 Jahre gut in Schuss, war er in seiner Art einfach liebenswert. Wir hoffen, dass sein Sohn, der nebenan wohnt, später weiterhin für die Pilger da sein wird. Der nächste Tag ging nach Châteaumeillant. Obwohl nur 22°C warm, empfanden wir das Wetter als belastend. Vielleicht, weil wir erst den zweiten Tag unterwegs waren. Nach 24km kamen wir endlich im B&B von Anne-Marie Chabert an. Paul aus der letzten Unterkunft hatte es vermittelt. Marie, wie sie sich vorstellte, empfing uns mit großem Redeschwall. Erst in französisch, als sie dann merkte, dass wir kein Wort verstanden, in englisch. Ein herrliches Unikum. Im dritten Gang des Abendessens gab es verschiedene Käsesorten. Den Ziegenkäse beschrieb sie uns, indem sie wie eine Ziege meckerte - das war Anne-Marie. Tagesziel heute war Le Châtre. Das Wetter meinte es wieder gut mit uns, 21°C und trocken, es war angenehm. Der Weg hatte kaum Steigungen oder Gefälle. Trotzdem machte Renates rechter Fuß und mein rechtes Knie Probleme. Dass kann ja noch heiter werden. Es ging dann aber doch bis Le Châtre. Paul und in einem zweiten Telefonat auch Anne-Marie hatten uns im Presbytère der Kirche von Le Châtre die Übernachtung vermittelt. Das Haus atmete die Geschichte von mehreren Jahrhunderten aus. Richtig gerade war da keine Wand. Eine der Angestellten kam aus Deutschland und sprach also gut deutsch. Dies ist hier tief in Frankreich schon wie ein Sechser im Lotto in der Verständigung. Nachdem sie sich viel Zeit für unsere Pilgerpässe mit den vielen Stempeln seit Magdeburg genommen hatte, war natürlich Sachsen-Anhalt, Magdeburg selbst, die Geschichte von Otto dem Großen und der Magdeburger Dom das Thema. Es ging dann weiter nach Cluis. Eigentlich war es ein angenehmer Tag zum Laufen. Um die 19°C. Vormittags trocken, am Nachmittag leichter Nieselregen. Aber eben 24km. Unsere Leistungsgrenze liegt eher bei 20km. In Cluis gab es an der Kirche ein kleines Kaffee, daneben ein Lebensmittelladen mit marokkanischer Ordnung. Was der auf seiner kleinen Fläche bereit hielt, war fast alles, was Frankreich zu bieten hat. Es war ein Marokkaner, der den Laden führte. Sehr nett fragte er uns gleich nach dem Woher und Wohin. Dann griff er zum Telefon und nach einer halben Tasse Kaffee war die Frau von der Kirche mit dem Schlüssel für unsere Übernachtung zur Stelle. Wir hatten ein ganzes Haus für uns allein. Oben ein Zimmer mit zwei Doppelstockbetten, unten Küche mit Essplatz und Duschecke. „Tragt euch noch ein und wenn ihr morgen geht, legt bitte den Schlüssel außen (an einen bestimmten Platz) hin.“ Und weg war sie wieder. Die Liste, wo wir uns eintragen sollten zeigte schön, dass in unserer Altersklasse recht viele Pilger unterwegs sind. Weiter auf dem Weg nach Crozant kommt hinter La Chapelle-Baloue auf der rechten Seite ein gedrungenes altes Steinkreuz. Pilger haben hier wieder viele kleine Steine abgelegt. La Souterraine war nun unser nächstes Tagesziel. Heute früh hatten wir die Region Limousin erreicht. Der Tag war mit 24km wieder eine lange Tour. Und das Ende sollte auch keinen Spaß machen. Zumindest nicht für Jürgen. Aber zuerst hatten wir von der Landschaft her wieder einen schönen Weg vor uns. Unterwegs trafen wir Michelle. Eine Französin, die jetzt nach dem Ende ihres Berufslebens den Jakobsweg pilgert. Sie wollte bis Ende November noch bis Saint-Jean-Pied-de-Port kommen. Leicht geschafft kamen wir in La Souterraine an. In die Altstadt geht man von Osten durch einen alten Stadttorturm, gleich dahinter die Kirche Notre-Dame. Die hat nun eine Besonderheit. Noch heute gibt es unter ihr, schon damals unterirdisch, eine kleine Kapelle, die gerne von Pilgern besucht wurde und der Stadt ihren Namen gegeben hat, „ Die Unterirdische“. Diese Nacht waren wir im Chambre d`hotes bei M und Mme Rowney untergebracht. Geschlafen wurde oben, das Abendessen gab es unten in der Küche. Die Stufen der Treppen war leicht nach vorn abfallend und auf Hochglanz gebohnert. Schon auf der ersten oberen Stufe rutschte Jürgen mit seinen leichten Filzpantoffeln aus und ab ging es 18 Stufen nach unten. Benommen schaffte er es noch bis zur Küche, dann ging nichts mehr. Als er wieder zu sich kam, lag er auf dem Fußboden und spürte, dass jemand seine Puls fühlte. Es war Michelle, die ebenfalls hier übernachtete und früher Krankenschwester war. Die große Frage am anderen Morgen war, ob Jürgen weiterlaufen konnte. Es war nichts gebrochen, und was da weh tat, musste ignoriert werden. Zum Einkauf für heute waren wir gestern nicht gekommen, aber es gab ja zwei etwas größere Orte unterwegs. Am Abend waren wir wieder in einem Chambre d`hotes untergebracht, bei Mme Godsen. Beim Stadtbummel haben wir Michelle wieder gesehen. Begrüßung mit Küsschen auf die Wangen, leider hat sie wo anders übernachtet. Bénévent-l`Abbaye und Châtelus-le-Marcheix hießen die nächsten Tagesziele. Das Wetter war gut, die Landschaft schön, da haben nicht einmal die kräftigen Steigungen unterwegs die Tage gestört. Die heutige Übernachtung war im einem accueil pélerin. Praktisch hieß das, wie hatten wieder eine Übernachtung mit Frühstück und Abendessen. Die 10km nach Les Billanges hätten wir gestern anhängen können. So hatten wir eine kurze Tagesetappe und waren bei Françoise, einer Künstlerin untergebracht. Es war wieder ein accueil pélerin. Françoise verarbeitet alles, was sie in ihrer Umgebung finden kann, von der Keramikscherbe bis zum rostigen Draht. Das sie davon leben kann? Als Françoise für uns telefonisch die nächste Übernachtung erfragt kam die Gegenfrage. „Ist da der Pilger bei, der die Treppe runter gefallen ist?“ Also war Michelle schon dort. Der Tag darauf war kühl, so um die 8°C. Der Weg überraschte immer häufiger mit kräftigen Anstiegen. Alles blieb aber im grünen Bereich. In Saint-Léonard-de-Noblat empfingt uns Eveline in ihrem accueil pelerins mit der Frage, ob denn der Rücken und so wieder in Ordnung ist? Na ja, es ging so. Im Ort gibt es die beeindruckende Église Saint-Leonard aus dem 11. Jh. Der heilige Léonard hat hier sein Grab. Ein schöner Altstadtkern lädt dann noch zu einem Abendbummel ein. 7,5 Std. haben wir am nächsten Tag für die 25km bis Limoges gebraucht. Davon genau 4 Stunden im Regen und mit insgesamt 2 Pausen von je 10 Min. Weil es nirgends einen trockenen Fleck gab, waren es 2 Stehpausen. Das war keine Etappe zum Lachen, aber Limoges war dann um 16:30 Uhr erreicht. Schon der Weg über die alte Pont St. Etienne in die Altstadt, mit den im Pflaster eingelassenen Jakobsmuscheln aus Messing, die zur Kathedrale führen, entschädigen für die Anstrengung. Hier in Limoges hatten wir eine Übernachtung der besonderen Art. Eveline von gestern hatte uns ein Zimmer bei den Soeurs Saint-François d`Assise, also bei den Schwestern des Heiligen Franz von Assisi besorgt. Ein kleines Kloster, gleich neben der Cathédrale Saint-Etienne und gegenüber dem alten Bischofspalast. Schwester Gisele empfing uns sehr freundlich, zeigte uns das Zimmer und gab uns den Schlüssel zur Pforte. Es war schon eine besondere Atmosphäre hier und eine Bereicherung für uns. Am nächsten Tag gab es noch eine rührende Begegnung. An der Église Saint-Michael-des-Lions waren wir in voller Ausrüstung. Eine Französin kam auf uns zu und fragte, ob wir nach Compostelle pilgern wollen. Mit Freude in den Augen umarmte sie uns spontan und es gab Küsschen links und recht. Hinter Limoges führt der Jakobsweg an alten, ehemaligen Mühlen vorbei. Links neben uns immer das kleine Flüsschen L´Aixette, die Landschaft weich und wellig. Es kommen immer mal wieder neugierige Esel bis an den Weidezaun. Dies war wieder eine schöne Tagesetappe. Hinter dem Château Lajudie steht ein größeres altes Steinkreuz, welches in seiner Form fast an ein Keltenkreuz erinnert. In Bord erwartete uns das bisher beste Chambre d`hotes. Ein sehr geschmackvoll umgestaltetes älteres Gehöft. Châlus war das nächste Ziel. Immer mal wieder Regen, besonders auch nachts, hatte die Wege sehr nass gemacht. Den ausgeschilderten Jakobsweg haben wir deshalb nicht genommen, weil der dann oft so unter Wasser steht, dass es wirklich keinen Spaß macht. Es ging auf schmalen, asphaltierten Straßen mit kaum Verkehr wesentlich besser voran. Leider fing es ab 14:00Uhr wieder an zu regnen und der hielt bis zum nächsten Vormittag an. Die letzte Tagestour lag heute vor uns. Zum Glück hörte der Regen bald auf. Über schöne Nebenwege ging es Richtung La Coquille. Jedenfalls bis Lavaud. Dahinter gab es lt. Karte und Google Maps keinen asphaltierten Weg, aber einen nur 500m langen Wirtschaftsweg. Die einzige menschliche Seele dort, eine Frau um die 50 dort, kannte diesen Weg aber nicht (der gleich 200m hinter ihrem Haus begann) und schickte uns bei dieser Nässe einen unmöglichen Wiesen- und Waldweg mit 1km Mehrlänge durch die Gegend. Höhepunkt war hier noch der auf der ganzen Breite überflutete Weg, mit schmaler, hochgefahrener Kante und gleich daneben ein unter Spannung stehender Weidezaun. Da war der Pilgerstab zum Abstützen sehr hilfreich. Um 14:30Uhr, wieder im Regen, hatten wir es geschafft. 288km lagen von dieser Etappe hinter uns, 1.830km seit Magdeburg. Leicht geschlaucht, aber zufrieden ging es nach Haus. Viele Grüße von
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