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Renate und Jürgen schrieb am 3. Mai 2014 um 13:05
Pilgern ab 60 (6)Es war schon spät am 30. März 2014, als wir in unserer Unterkunft in La Coquille ankamen. Wir hatten aber am Tag zuvor anrufen lassen. Liz und Paul warteten am Kamin auf uns. Obwohl nicht eingeplant, bekamen wir noch ein leckeres Abendessen. Das tat gut, weil tagsüber keine Gelegenheit zur Einkehr war. Am nächsten Morgen waren wir dann wieder auf dem Jakobsweg. Anfangs gut zu laufen, fanden wir uns bald auf einem Waldweg wieder, der den letzten Regen noch nicht verdaut hatte. Zum Glück wurde es nach 1,5 km besser. Der Tag hatte allerdings noch ein anders Problem. Die von La Coquille angerufenen Unterkünfte für heute hatten sich nicht zurückgemeldet. In Frankreich sollte man grundsätzlich 24 Stunden vorher ein Quartier vereinbart haben. Also hatten wir keine Übernachtung für heute. Das office du tourisme in Thiviers half weiter, so dass wir „nicht unter´m Baum schlafen mussten“, wie wir selbst immer mal wieder aus Spaß sagen. Heute fiel uns der Unterschied beim Wetter zum letzten April so richtig auf. Hatten wir vorigen Jahr tagsüber nur Temperaturen unter 5°C, so waren es jetzt um 20°C und trocken. Wir kamen durch eine schöne Landschaft und gut voran. Mitten auf einem grünen Feld stand ein kleiner runder Steinbau mit steinernem Dach. Die Neugierde war erwacht, also hin. Es war ein alter Brunnen. Ob man den hier bei uns stehen gelassen hätte? Ein Stück weiter gab es eine schlechte Überraschung. Aus einem offen Gatter kamen drei Hunde bellend auf uns zu gerannt. Wir waren auf einem öffentliche Weg! Die beiden kleineren gaben dem großen den Vorrang, der laut knurrend sofort gegen Jürgen vorging. In einer Reflexreaktion bekam er von Jürgen von unten einen Schlag mit dem Pilgerstab gegen den Hals. Das machte ihm wohl klar, dass wir uns wehren würden. Auf mehr hat er es dann auch nicht ankommen lassen. Dies war das erste Mal nach über 1800 km, dass wir den Pilgerstab zur Abwehr einsetzen mussten. Am dritten Tag hatten wir Périgueux erreicht. 24 km und Sonne hatten doch geschlaucht. Wir sind hier in der Region Aquitaine, ich glaube, wir hatten es schon einmal erwähnt. Juliet und Jean-Louis, die uns empfingen, waren im vorgerückten Alter. Sie, als ehemalige Lehrerin sehr wissbegierig, wollte viel über den Weg und auch unsere Heimat wissen. Er ist Musikliebhaber, sitzt oft in seinem Ohrensessel und genießt klassische Musik. Am Abend fing es an zu regnen. Für Périgueux muss man ein paar Stunden Zeit einplanen. Die Altstadt mit ihren schmalen Gassen und die „Cathédrale Saint-Front“ sollte man gesehen haben. Ein Stück weiter die „Église Saint-Etienne“ mit ihren Kuppeln erinnern genau so wie die Kathedrale an byzantinische Architektur. Der zweite Tag in Périgueux hatte nur einen kleinen Schönheitsfehler. Es regnete immer noch. Am nächsten Tag war Razac sur L Ísle das Ziel. Wir gingen los und es regnete weiterhin. Aber nicht mehr lange. Der Weg verlief schön am Fluss Isle entlang. Madame Brockk in Razac sur l Ísle hat auf dem Grundstück ein Gartenhäuschen. Nett eingerichtet, mit allem was man so braucht. Sie selbst sprach Englisch und etwas Deutsch, so konnte man gut miteinander erzählen. Ab jetzt wurde das Wetter immer besser. Meistens Sonnenschein und das Thermometer kletterte gen 20°C. Nach Douzillac waren es 22 km. Im Ort holte uns Roger mit seinem Pkw ab. Er und seine Frau Christine haben sich vor Jahren hier ein Haus gekauft und verbringen ¾ des Jahres in Frankreich und den Rest im Winter in ihrer Heimat England. Beide ehemals Lehrer, also sehr wissbegierig, hatten zum Abend französische Freunde und uns eingeladen. Es war sehr interessant für uns. Roger hatte uns am nächsten Morgen ein englisches Frühstück bereitet, was heißt, dass wir mal richtig was im Bauch hatten. Wir erinnern uns? In Frankreich gibt es sonst morgens meistens nur Baguette, Croissant, Butter und Marmelade. Auf kleinen Wegen haben wir dann Mussidan rechts liegen gelassen und sind die 23 km bei sonnigem Wetter durch wechselnde Landschaft gelaufen. Leider wieder kaum eine Möglichkeit unterwegs zum Sitzen, außer man nimmt den Erdboden. Dann nach ¾ der Strecke, 30 m abseits, an einer kleinen mit einem Steinhäuschen eingefassten Quelle und ein paar Krebsen drin, ein netter Platz mit Tisch und Bank. Schön, aber leider selten. Unser Übernachtungsort La Gratade war nur eine kleine Ansammlung von Häusern mit eben diesem „Accueil Pelerins“ Gite. Am Haus kam zufällig die ca. 20jährige Tochter zeitgleich an und rief ins Haus: „Saint Jacques vient“ Sollte Jürgen wirklich schon wie der Heilige Jakobus aussehen? Am nächsten Tag, 10km hinter La Gratade, hielt ein französischen Ehepaar im PKW an, welche Übernachtungsgäste suchten, die nicht gekommen waren. So etwas sollte man tunlichst nicht machen. Denn immerhin bereiten die Gastfamilien nicht nur das Zimmer vor, sondern kaufen auch extra zum Abendessen und Frühstück ein. Das Wetter war ähnlich wie gestern, es ging zügig voran und gegen 14:15 Uhr war Sainte-Foy-la-Grande erreicht. Im Hundertjährigen Krieg, also zur Zeit von Jeanne d´Arc erbaut, gibt der alte Stadtkern noch heute das Bild einer Bastide (Wehrsiedlung ) wieder. Schön an der Dordogne gelegen, haben wir hier am nächsten Tag auch Waschtag gehabt und die Seele baumeln lassen, denn am Tag darauf waren 26 km angesagt. Das Wetter mit Sonne und Mittagstemperaturen noch unter 20°C hielt an. Wir liefen jetzt durch das große Anbaugebiet der Bordeaux-Weine. So wurde es dann auch 15:45 Uhr, als wir an dem sehr schönen Chambre d`hotes „Manoir de James“, in der Nähe von Saint Ferme ankamen. Der Hausherr bot an, uns in den kleinen Ort Saint Ferme zu fahren und war dann auch gleich unser Führer im Gebäude der ehemaligen Abtei und der ehemaligen Klosterkirche der Benediktiner. La Reole war das nächste Ziel. Nach 10 km haben wir eine Gedenkminute eingelegt. Etwa hier waren wir seit Magdeburg 2000 km gelaufen. Weiter, vor Roquebrune sah man von weitem eine interessante Kirche auf einer Anhöhe im Ort. Außerdem gab es einen guten Sitzplatz, um Rast zu machen. Auch drinnen wieder die hochverehrte Jeanne d´Arc als Statue. Wir konnten dem Angestellten, der uns die Tür geöffnet hatte, erzählen, dass wir auch schon am Geburtsort von ihr waren (und später, auf der Rückfahrt, auch am Hinrichtungsort). In La Réole haben wir Anny und Klaus getroffen, zwei Pilger aus Luxemburg. Sie hatten diese Etappe in Thiviers begonnen, also eine Tagesetappe nach unserem Start und wollten genau wie wir, bis nach Mont-de-Marsan laufen. La Reole liegt an der Garonne und war im Mittelalter mit seinem Benediktinerkloster ein wichtiger Ort für die Pilger. Am nächsten Tag mussten wir Bazas erreichen. 25 km lagen vor uns. So wurde es auch Nachmittag. Bazas hat einen schönen alten Stadtkern und wieder eine beeindruckende Kathedrale, mit dem Schutzpatron „ Johannes dem Täufer“. Auch Bazas war früher eine wichtige Pilgerstation nach Santiago de Compostela. Unsere Unterkunft, etwas außerhalb gelegen, war dieses Mal schwer zu finden. Wir haben erst einmal etliche Gehöfte abgefragt. Während Jürgen zu einer Kita lief, gingen bei Renate zwei Kinder vorbei, welche Renate anstrahlten und ansprachen. Die liefen nach Haus und berichteten, dass da unten zwei Deutsche seien. Es waren Kinder von dem gesuchten Chambre. Nun eilte die Mutter einen Wiesenweg durch Buschwerk vom Berg herunter und nahm uns in Empfang. Nach einem Ruhetag ging es Richtung Captieux weiter. Bald kommt ein schöner Wanderweg auf einer ehemaligen Bahntrasse, der geradewegs in „Les Landes“ hineinführt. Hier sollte man guten Mückenschutz bei sich haben und langärmelig und langbeinig angezogen sein. Es ist eine ausgedehnte ehemalige Heidelandschaft, die nach Regen auch heute noch teilweise tagelang unter Wasser steht. Schon jetzt, im April, waren die kleinen Blutsauger aktiv. Auch am nächsten Tag ging es auf dem ehemaligen Bahndamm und dann über Wald- und Nebenwege weiter bis zum kleinen Örtchen Bourriot-Bregonce. Hier, im Chambre, hatten uns Anny und Klaus eine Nachricht hinterlassen. Zum Schluss hatten wir uns ein paar kürzere Tagesetappen gegönnt. Nächstes Ziel war Roquefort, welche aber nicht mit der bekannten Käse-Stadt identisch ist. Dorthin, nach vielleicht 5 km kommt man durch Retjons. Dort steht die denkwürdige Stele, die anzeigt, dass es bis nach Santiago de Compostela noch 1000 km weit ist. Roquefort ist ein kleines sauberes und verträumtes Städtchen mit einigen historischen Gebäuden. Herausragend ist die „Église Notre-Dame“ aus dem 12. Jh., die aber zur Zeit innen restauriert wird. Gleich links daneben eine kleine Kapelle, die dem heiligen Jakobus geweiht wurde, natürlich mit einer Jakobusstatue. Nun lagen noch zwei Tagesetappen vor uns; nach Gailleres und dann Mont-de-Marsan. Vorher aber kamen wir durch den kleinen Ort Bostons. Eine kleine, aber beeindruckende Kirche grüßt schon von weitem. In der Mitte des Gebäudes ein wehrhafter romanischer Turm. Im Inneren an der Westseite des Raumes eine interessante Rundbogenwand im romanischen Stiel. Wirklich schön war ein kleiner Nebenraum, den man vom Vorraum der Kirche aus betreten kann und der für Pilger eingerichtet ist. Es ist ein Herd, ein Kamin, Waschgelegenheit, Utensilien zur Essenszubereitung und ein Sofa zur Übernachtung drin. Alles ordentlich und sauber. Hier gibt es Mitmenschen, denen die Pilger besonders am Herzen liegen. Im Pilgerbuch hatten wir gelesen, dass Anny und Klaus auch hier waren. Die letzten Kilometer führt der Jakobsweg wieder über einen gut ausgebauten alten Bahndamm. Dann war Mont-de-Marsan erreicht und hinter uns liegen nun insgesamt 2122 km. Viele Grüße von
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