Gästebuch
schrieb am 3. Mai 2015
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16:48
Pilgern ab 60 (10)31. März 2015, 08:30Uhr, Leon. Es war schon ein bewegender Moment. Die letzte Etappe auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela begann. Am Horizont grüßten die schneebedeckten Berge der Cordillera Cantábriea. Wir hatten 20°C bei Sonnenschein. Die Entscheidung, hinter Virgen del Camino für die etwas weitere, aber schönere Wegalternative über Hospital de Órbigo viel uns nicht schwer. Gleich am ersten Tag gab es nette Gespräche mit anderen Pilgern. Besonders bei nordamerikanischen Pilgern ist die Muschel an Renates Halskette wieder aufgefallen. Die hatte sie ja vom Strand in Israel mitgebracht. Wir sollten die Pilger alle am Nachmittag in der Herberge von Tío Pepe wieder treffen. Die Wegalternative wäre übrigens 25,3 km entlang der Nationalstraße 120 gewesen. Da war unser Weg schon schöner, wenn auch nicht aufregend. Die Albergue Verde schon, wo wir am zweiten Tag übernachtet haben. Vorher aber kommt im Ort Hospital de Órbigo diese wunderschöne, lange, alte Römerbrücke über den Fluss Órbigo. In der Albergue gab es ein Wiedersehen mit einigen Pilgern von gestern. Gegessen wurde vegetarisch, aber mit life-Gesang zur Gitarre. Dank eines Pilgers standen neben der Flasche Wasser auch zwei mit Wein. Wer wollte, konnte vor dem Abendessen an einer Stunde Yoga mit dem Herbergsvater teilnehmen. Nach Murias de Rechivaldo geht der Weg bergauf und bergab. Es war schon etwas Training für das, was da noch kommen sollte. Kurz vor Astorga kommt dann das mächtige Wegkreuz von Santo Toribio. Von hier oben hat man einen herrlichen Blick auf die Berge im Hintergrund und auf Astorga unten mit der schönen Kathedrale. Die haben wir uns natürlich angesehen, sind dann aber noch etwas weiter gelaufen, bis nach Murias de Rechivaldo. Das Wetter wurde immer wärmer. Wir haben es uns nicht nehmen lassen, den kleinen Umweg über Castrillo de los Polvozares zu laufen. Vor ein paar Jahren restauriert, die Gebäude, die Straßen, alles aus rotem Naturstein, hat es von uns den Namen „Das Rote Dorf“ bekommen. Wieder auf dem Jakobsweg haben uns langsam Cemalah und Viera aus Hawaii überholt. Cemalah mit Sonnenschirm, eben eine Frau aus Hawaii und Viera mit unterknie langem dunklen Rock, schwarzen Strümpfen und den derben Wanderschuhen, eher nordamerikanisch aussehend, gaben sie beide ein süßes Bild ab. Wir hatten ein nettes Gespräch. Die Gegend hier ist die Maragatería, unfruchtbar, eher ärmlich. Für den Pilger ist sie landschaftlich aber angenehm, sie ist wellig und oft kommt Wald dazu. Rabanal del Camino war heute unser Ziel. Wieder solch ein uriger Ort. Das alte Kirchlein und das Benediktinerkloster, in dem man auch übernachten kann, runden das Bild ab.Der Tag nach El Acebo versprach besonders zu werden. Zum einen hatten wir mit 1.517m den höchsten Punkt auf dem Weg für uns persönlich erreicht. War aber nicht so schwer zu laufen. Dann kam bald der Ruinen-Ort Foncebadón. Wir waren vor 8 Jahren auf einer Reise durch Spanien schon einmal hier. Damals gab es kaum Leben hier, fast alles war zerfallen. Heute gibt es wieder einige neue Häuser. Ein paar Kilometer weiter kam dann ein Platz, den wahrscheinlich alle kennen, die schon mal was vom Jakobsweg gehört haben - das Cruz de Ferro. Über dem gewaltigen Steinhaufen erhebt sich an einem Stamm das Eisenkreuz. Viele Pilger, wir auch, legten hier einen von zu Hause mitgebrachten Stein ab, mit dem sie ihre Sorgen hier lassen wollen. Noch ein paar km weiter kommt an der Straße die einfache Hütte mit dem auffälligen Drumherum. Tomás und seine Freunde hatten sich vor einiger Zeit hier niedergelassen. Hape Kerkeling´s Begeisterung in seinem Buch zu diesem Ort und seinen Bewohnern hatte sich in Grenzen gehalten. Dann war bald El Acebo erreicht. Der Weg heute nach Ponferrada hatte es in sich. Man muss ja von den 1.517m wieder runterkommen. Es geht also fast immer bergab. Die Zehenspitzen stoßen vorn gegen den Schuh. Der Weg war über lange Strecken sehr steinig, teilweise felsig, wobei die Landschaft sehr schön ist. Wir hatten uns für diesen Tag nur 16km vorgenommen und waren froh, als wir in Ponferrada angekommen waren. Als „Pflichtprogramm“ stand jetzt nur noch der Besuch der Templerburg an (hat sich gelohnt). Das Pilgermenü haben wir, immer noch bei Sonnenschein, auf einem größeren Platz im Zentrum genommen, wo gefühlt halb Ponferrada und -zig Pilger versammelt waren. Weiter bei Sonnenschein und wenig auf und ab durften es nach Villafranca de Bierzo auch mal knapp 25km sein. Es war wohl in Cacabelos, auf einmal waren wir mitten in einer großen Osterprozession. Angeführt von vielleicht 20, mit langen weißen Umhängen gekleideten Frauen folgte dann die getragene Statue der heiligen Maria. Die vielleicht ebenfalls 20 Männer, die sie trugen, gingen in langsamen, zur Seite schwankenden Schritten zu der lauten aber getragenen Musik der Kapelle. Danach kamen mehrere hundert Einwohner nicht nur aus diesem Ort. Für uns war es eine neue Erfahrung, es war schon beeindruckend anzusehen. Am späten Nachmittag war Villafranca de Bierzo erreicht. Am nächsten Tag hatten wir den Weg an der Straße gewählt. Es war nervig, wie Hape schrieb, aber zügig. Der Jakobsweg neben der Straße ist durch eine 80cm hohe Betonabgrenzung gesichert, schöner macht es ihn nicht. Fast die gesamte Tagesetappe ging über Straßen. Ruitelán, unser Tagesziel, liegt in einem Tal. Bei einem Spaziergang vor dem Abendessen hatten wir ein besonderes Erlebnis. Von der gegenüberliegenden Hangseite ertönte langgezogenes Wolfsgeheul. Ein zweiter fiel ein. Tagsüber werden sie hoffentlich schlafen! Die Herbergsväter, zwei Buddhisten darauf angesprochen, lächelten vielsagend. Wir bleiben dabei, es waren Wölfe! Auch weil wir gerade nach unserer Rückkehr im TV Wölfe gesehen und gehört haben. Heute sollte lt. Hape das härteste Stück des gesamten Jakobsweges kommen (mal abgesehen vom Napoleon Weg über die Pyrenäen). Er hatte sogar seinen Rucksack mit dem Auto fahren lassen. Wir nicht! Und es wurde ein hartes Stück Weg. Immer wieder starke Anstiege bei schlechtem Wegezustand. Als wir endlich auf ca. 1.300m in O Cebreiro angekommen waren, haben wir uns gegenseitig auf die Schultern geklopft. In diesem urwüchsigen kleinen Ort steht die schöne kleine Iglesia Santa Maria aus vorromanischer Zeit. Leise Musik war drinnen zu hören. Nach der Eunate bei Puente la Reina die zweite sehr bemerkenswerte Kirche unter den „Kleinen“. Jetzt waren wir in Galicien und es waren nur noch 3,5km bis zu unserer Albergue auf dem Alto do Poie. Galicien ist viel grüner als das Gebiet vorher. Es regnet dafür auch öfters. Petrus aber hatte es bisher gut mit uns gemeint, es blieb weiter trocken. Meist auf Schotterpisten ging es heute 700m Höhenmeter bergab. Da merkt man, dass die Knie nicht mehr die neuesten sind. In Tricastela angekommen, war erst einmal ausruhen angesagt. In dieser Nacht hatten wir den ersten Regen. Nach 8:00Uhr morgens blieb es trocken. Was wollten wir mehr. Nach einer Stunde trafen wir Igor aus Belorussland, wie er selbst sagte, also Weißrussland, wie wir sagen. Ein kräftiger, netter Mann um die 60 Jahre, der den Jakobsweg in Pamplona begonnen hatte. Schade, dass wir uns nicht verständigen konnten. So haben wir wenigstens gegenseitig die Fotos von uns. Sarria war am frühen Nachmittag erreicht. Die hohe alte Treppe im Stadtkern ist bemerkenswert. In Sarria beginnt ein Viertel aller Pilger den Jakobsweg, weil es etwa die Mindestentfernung von 100km ist, um die Compostela zu erhalten. Diesen Weg deshalb hier zu beginnen, da kann jeder darüber denken wie er will. Wir sind an diesem Tag noch 4km weiter bis Vilei gelaufen. Nach Portomarin ließ es sich gut laufen heute. Schöne Landschaften und kleine Orte wechselten sich ab. Oft war eine Bar am Weg. Viele „Sarria-Pilger“ waren unterwegs. Die neuen Schuhe lassen sie erkennen. Meist in Gruppen und rund die Hälfte nur mit Tagesrucksäcken ausgerüstet machen sie mehr den Eindruck von Spaziergängern. Schade, ein bisschen geht die Würde des Weges verloren. 24,4km sollten es nach Palas de Rei werden. Unterwegs haben wir den 3.000sten km seit Magdeburg für uns verbuchen können. Und dies wieder bei schönem Wetter und noch schönerer Landschaft. Der nächste Tag ging nach Castañeda. Immer häufiger kamen wir jetzt auf Waldwegen durch Eukalyptuswälder. Am Ende des kleinen Örtchens Leboreiro steht rechts eine kleine romanische Kirche. Alte Wandmalereien sind noch zu sehen. Aus dem Dorf hinaus führt ein mit alten Steinplatten belegter Weg, der auf beiden Seiten durch Steinwälle eingefasst ist. Am Ende eine schöne alte Brücke. Insgesamt ein Bild wie aus einem Bilderbuch. Durch die größere Stadt Melide sind wir nur durchgelaufen. Marine aus New York haben wir unterwegs und bei einer Rast zum wiederholten Mal getroffen. Eine junge Frau um die 40. Eigentlich wollten wir die restlichen 48km in zwei Tagen laufen. Dann wären wir am Donnerstag in Santiago angekommen. Gestern Abend sagte unser Herbergsvater, dass nur freitags zur Pilgermesse das Weihrauchfass, der Botafumeiro geschwenkt wird. Also haben wir drei Tagesetappen daraus gemacht. Am frühen Nachmittag waren wir in A Calceda. Der Weg nach Lavacolla war mit 20km eine ganz normale Strecke für uns. Landschaftlich war es wie die Tage zuvor. Da war er nun, der Tag an dem wir unser großes Ziel erreichen sollten, Santiago de Compostela. Petrus ließ es leicht regnen. Gegen 13:30Uhr waren die Türme der Kathedrale zu sehen. Ein paar Minuten später standen wir vor dem Westportal der Kathedrale. Auch wenn zuerst der Weg das Ziel war, dies war der Höhepunkt, seit dem wir vor 4 Jahren den Jakobsweg begonnen hatten. Bei Jakobus über dem Hochaltar bedankten wir uns für die stille Begleitung über die gesamte Zeit. Jetzt führte der Weg zum Pilgerbüro. Bei dem Stempel-Nachweis in den Credencials gab es keine Probleme für die Compostela und für die „Distanz-Urkunde“. Die Pilgermesse am nächsten Tag um 12:00Uhr war bewegend auch wenn wir sie nicht verstanden haben. Zu den angesprochenen Pilgern aus Alemania durften wir uns dazuzählen. Marine saß gleich hinter uns. Das Unwichtigste würde sicher zum Schluss kommen, das Weihrauchfass. Es kam nicht, es fiel aus. Wir fuhren anschließend nach Finisterre zur letzten symbolischen Handlung. Unterhalb des Leuchtturmes wurde die rote Mütze von Renate und von Jürgen ein Hemd, eine Hose und ein paar Socken verbrannt. Fazit: Es war eine Herausforderung und eine wunderbare Erfahrung. Durch Deutschland waren wir allein unterwegs. In Frankreich haben wir die ersten Pilger getroffen. In Spanien hat uns der Jakobsweg voll aufgenommen. Viele schöne Begegnungen auf dem Weg, in den Unterkünften und mit Pilgern aus aller Welt haben unser Leben bereichert. Oft hatten wir Gelegenheit über uns und vieles andere zu reden und nachzudenken. Diesen Weg zu gehen war mit Sicherheit eine der besten Entscheidungen, die wir seit langer Zeit getroffen hatten.
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